Konvergenz in den Écrins

2009-08-22-53

Der zweite Flug im Diskus führte mich wiederum an die selben Stellen des Vortages. Es ist immer wieder erstaunlich wie schnell sich ein Gefühl der Vertrautheit einstellt. Mit jedem Mal wird die Landschaft kleiner, die Wege überschaubarer, damit wächst in gleichem Maße der Aktionsradius und die Bereitschaft unbekanntes Terrain zu erkunden.

Ich klinke am Hongrie aus, überfliege die Grate des Trenon und Auton im steigenden Geradeausflug; am Blayeul (ich kann bereits die wichtigen Berge beim Namen nennen) halte ich mich kaum mit drei Kreisen auf um direkt zum Dormillouse zu springen. Dort finde ich keinen deutlichen Aufwind und in einem Anflug guten Mutes und der Gewißheit den Fluplatz Barcelonette erreichen zu können quere ich das Tal. Prompt komme ich unter Grat an und nun beginnt die für mich aufreibende Suche nach dem tragenden Hang. Tiefer und tiefer gleite ich an den Schotterhalden entlang, blicke in Schründe und Karre, die Luft ist turbulent und launenhaft, der Trim steht auf 130 km/h. Endlich finde ich den Hausbart Barcelonettes, mein leichtes Flugzeug wird umhergeworfen, in Hangachten steige ich mit 4 Metern pro Sekunde, über dem Grat beginne ich zu kreisen, kaum kann ich die Schräglage halten. In Minuten bin ich an die Wolke gestiegen, Erleichterung durchströmt den Körper, Wolkenschatten und kühle Höhenluft spenden Erfrischung.

Die nächsten Etappen führen mich am Flugplatz St. Crepin vorbei in die Täler nördlich Briançons. Dort erkenne ich den Aufwind nur dank anderer Segelflugzeuge, denn er findet sich nicht wie erwartet in der Nähe der sonnenbeschienenen Bergflanken, sondern steht mitten im Tal. Ich kreise wieder bis unter die Wolke und nehme nun Kurs nach Süden Richtung der Ecrins. Dank Joëls Einweisung vor drei Wochen kenne ich die Schlüsselstelle, die mir die nötigen Höhenmeter zum langen Gleitflug über die Barren des Nationalparks liefert. Über mir kurbelt der Duo TH und markiert damit den Bart; ich folge wiederum bis an die Basis. Durch einige Wolkenflusen stoßend nehme ich Kurs 180°. Mit jedem Atemzug bekomme ich einen Schuß Sauerstoff in die Nase geblasen, denn ich fliege in fast 4.000 Metern Höhe – meine sitzende Untätigkeit würde mich schnell an den Rand einer Ohnmacht bringen.

Nun beginnt der magische Teil der Reise, denn aus den Tälern westlich der Barre des Écrins steigen feuchte Luftmassen empor, die bereits Hunderte Meter unter meinem Gleitpfad Wolken bilden. So bleibt mir einerseits der Weg nach Westen versperrt, andererseits wird mir eine besondere Vorstellung zuteil, ich schaue auf Wolkenbänke und in blaue Täler, schieße unter Wolken hindurch, den Sog in die Höhe mit hoher Geschwindigkeit vermeidend. Nach einem pfeilgeraden Flug über fast 30 km trete ich wieder ein in ein Reich des Lichts und der blauen Himmel.

Ein kleiner Abstecher führt mich an den Pic de Bure um dem Geier die Ehre zu erweisen bevor der Kompass den Heimatkurs zeigt. Einige letzte Erkundungen gelten den Felsarenen des Chabre. Um 19:00 melde ich auf 120,05 MHz „2C pour l’atterrissage sur la 36 – vente arrière, trains sortis et verrouillés“.

OLC-090822

Musikempfehlungen: zum Kurbeln mit akustischem Vario kann ich sehr Country-Musik empfehlen – die sich ändernde Tonhöhe des Varios vermischt sich auf’s wohlgefälligste mit den Glissandi der Steel-Guitar. (z.B. Lynne Hanson)
Ein schönes, cooles, nicht zu starkes Triumphgefühl stellt sich mit Peter Fox‘ „Fieber“ ein…

2009-08-22-117

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *